Sankt Petersburg"Venedig des Nordens" wird die ehemalige Hauptstadt Russlands genannt. Sankt Petersburg liegt am Finnischen Meerbusen und verteilt sich über 101 Inseln im Delta des Flusses Newa. Vom 7. bis zum 10. März 2009 durfte ich mein Geburtstagsgeschenk von Martina in Empfang nehmen - eine Reise nach Sankt Pieterburch, wie die Stadt bei ihrer Gründung im Jahr 1703 hiess. Dies war sowohl meine erste Reise nach Russland, als auch meine bisher nördlichste Städtereise. Wie es uns in der nördlichsten Millionenstadt der Welt ergangen ist, lest ihr in unserem Reisebericht.


Sankt Petersburg hatte in seiner kurzen Geschichte schon viele Namen. Bereits kurze Zeit nach der Gründung wurde Sankt Pieterburch in Sankt Petersburg umbenannt. Diesen Namen hatte die Stadt am längsten und sie trägt ihn auch heute wieder. Von 1914-1924 hiess sie Petrograd und dann bis 1991 Leningrad. Sankt Petersburg ist die zweitgrösste Stadt Russlands und war vom 18. bis zum 20. Jahrhundert die Hauptstadt des russischen Reiches. Der Stadtname kommt übrigens nicht von ihrem Gründer, Zar Peter dem Grossen sondern vom Apostel Simon Petrus.

Samstag
Die Anreise von Zürich nach Piter (die russische Kurzform) gestaltet sich mit einem 2:45h Direktflug kurzweilig. Dank unseres Freundes Äbu hatten wir bei der Einreise schnell den russischen Stempel im Reisepass. Er hatte uns beim Besorgen der Visa in der Botschaft Bern tatkräftig unterstützt. Um hierbei keine Probleme zu bekommen empfiehlt es sich, zwei Monate vorher die Visa zu beantragen und genau auf die notwendigen Unterlagen zu achten die eingereicht werden müssen. Bei den Angaben dazu sind die Botschaft und die Reisebüros nämlich nicht unbedingt einer Meinung.

Die erste Herausforderung stellte sich uns vor der Taxifahrt vom Flughafen in die Innenstadt. Nicht ein Taxifahrer erledigt den Job sondern mindestens drei Beteiligte kennt das Gewerbe: die Akquisition übernimmt eine Presales Mitarbeiter in der Halle; er empfängt den Reisenden und leitet ihn an den Taxi-Manager vor dem Terminal weiter. Dieser offeriert einen Preis von 2000 Rubel für die halbstündige Fahrt in die Stadt. Wer nun annimmt hat verloren. Wer 66 Franken für eine 20 km Fahrt bezahlt ist selbst Schuld. Nach einigem Hin-und-her konnten wir den Chef auf 1000 Rubel herunter handeln. Bemerkenswert ist, das der Rubel gegenüber dem Franken innerhalb der letzten Monate die Hälfte seines Wertes eingebüsst hat. Noch im November wären die 2000 Rubel ca. 100 Franken wert gewesen. Na ja, die Preise dieser Stadt hielten noch einige Überraschungen für uns parat.

Bei der Fahrt zum Hotel liess sich die Grösse der Stadt ermessen. Der Flughafen liegt genau am Stadtrand, so dass man in gerader Linie 20 km durch das Stadtgebiet bis ins Zentrum fährt. Die Strassen sind breit und gerade angelegt, wie es sich für eine Hauptstadt geziemt. Da Sankt Petersburg während des Zweiten Weltkriegs nicht bombardiert wurde, gibt es in der Stadt unzählige historische Gebäude die mehr und mehr restauriert werden. Einen ersten Eindruck dieser Pracht erhielten wir bei der Taxifahrt zum Hotel. Statt der Bombardierung musst die Stadt von 1941 bis 1944 eine 900 tägige Blockade durch die deutschen Truppen ertragen. In dieser Zeit starben über 1 Million Leningrader den Hungertod. Eine Petersburgerin erzählte mir, dass in dieser Zeit Ledergürtel gekocht wurden um etwas zu Essen zu haben.

Unser Hotel war ein echter Glücksgriff. Das "Petro Place Hotel" in unmittelbarer Nähe der Admiralität liegt sehr zentral und überzeugte durch Komfort und gehobene Ausstattung. Von dort aus konnten wir die Stadt zu Fuss entdecken. Wer unserem Beispiel folgen möchte, sollte über gutes Schuhwerk und ausreichende Kondition verfügen. Die Stadt ist sehr weitläufig, so dass man pro Tag mindestens 10 km zu Fuss zurücklegt. Natürlich gibt es öffentliches Verkehrsmittel; U-Bahn, Tram und Busse ermöglichen das Erreichen weiter entfernter Besichtigungsziele. Aber Achtung: in vier Tagen ist man mit der Innenstadt vollauf beschäftigt und dort nützen einem die ÖV so gut wie nichts.

Unser erstes Ziel war die Isaakskathedrale in unmittelbarer Hotelnähe. Diese Kirche zu übersehen ist unmöglich; sie überragt mit 101 m Höhe das Stadtzentrum und hat einige Superlative zu bieten. Sie hat die viertgrösste Kirchenkuppel der Welt, bietet 12000 Menschen Platz und steht auf 24000 in den Boden gerammten Pfählen. Man darf nicht vergessen, dass sich Petersburg auf sumpfigem Gelände befindet und grosse Gebäude dementsprechend befestigt werden mussten. Apropos Sumpf; bei der Wahl der Reisezeit gilt es zwischen den weissen Nächten in den Sommermonaten mit den daumendicken Mücken und den noch dickeren Touristenscharen oder dem echten Russland-Feeling mit Schnee und Eis abzuwägen.

Ehrlich gesagt, haben wir die Isaakskathedrale nur von aussen besichtigt und uns dann dem Park zwischen der Kirche und der Newa zugewandt. Hier wurde es interessanter: ein Hochzeitspaar vergnügte sich mit Champagner am neuen Glück. Während unserer Stadtbesichtigung haben wir viele Jungvermählte getroffen, die mit ihrer Hochzeitsgesellschaft an den schönsten Plätzen der Stadt unterwegs waren. Das Highlight des Tages war jedoch ein junger Braunbär der die Nachmittagssonne im Park genoss. Er war sichtlich vergnügt, wurde von seinem Herrchen an der langen Leine geführt und liess sich sogar von Passanten streicheln. In der Regel befällt den politischen überkorrekten Westler ein mulmiges Gefühl wenn er ein Wildtier in der Stadt erblickt. Doch in diesem Fall war die Skepsis nicht angebracht; Meister Petz hatte weder einen Ring durch die Nase noch wurde er zu Kunststücken genötigt. Der kleine Bär tollte vergnügt im Schnee herum, lief auf den Hinterbeinen um einen Baum herum und liess sich genüsslich auf einer Parkbank nieder um eine Babyflasche mit Orangensaft zu trinken.

Im März ist der Winter in Russland noch nicht vorüber. Die Arme des Newa Deltas, die Sankt Petersburg durchschneiden waren zum grössten Teil von einer meterdicken Eis- und Schneeschicht bedeckt. So konnten wir die Abkürzung über den Fluss nehmen statt über die Brücke zur Wassili-Insel und zur Petrograder Seite zu gelangen. Das war ein ganz besonderes Erlebnis zumal sich die Eisdecke zwei Tage später in Wasser und Eisschollen verwandelt hatte. Über den breiten Fluss gelangt man auch zur Haseninsel auf der die Keimzelle Sankt Petersburgs steht: die Peter-Paul-Festung. Diese Festungsanlage wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts von Peter dem Grossen als "Fenster zum Westen" und als Grundstein für seine "Hauptstadt aus dem Nichts" erbaut. Eine genaue Besichtigung der Festung hatten wir uns als Programm für den Montag vorgenommen.

Zurück nahmen wir den Weg über die Schlossbrücke, querten den grossen Platz vor der Eremitage und gelangten durch den Bogen des Generalstabsgebäudes zum Nevskij-Prospekt. Das ist die Prachtstrasse Petersburgs mit zahlreichen Sehenswürdigkeiten und einem intensiven Geschäftsleben. Die Nevskij wird von drei Kanälen durchschnitten die sich durch die ganze Innenstadt schlängeln. Tatsächlich handelt es sich dabei nicht um Kanäle sondern um natürliche Arme der Newa die im Laufe der Zeit kanalisiert wurden. Auf dem Nevskij-Prospekt zeigt sich deutliche der westliche bzw. globale Charakter dieser Stadt. Die Verwässerung der Authentizität ist leider in fast allen Weltstädten zu beobachten. Eine Stadt wird auch durch die Läden auf ihren Hauptstrassen geprägt. Sobald hier H&M, Zara, Gucci und Co. dominieren verliert eine Einkaufsstrasse ihren landestypischen Charakter.

Mit müden Beinen und Hunger im Bauch kehrten wir ins erstbeste Lokal ein. Zwar war dies ein englischer Pub (Tower am Mojka Kanal) in dem wir uns jedoch ein hervorragendes russisches Baltic No.7 Bier schmecken liessen. Später machten wir uns auf die Suche nach einem russischen Restaurant was nicht so einfach war. Einheimische Restaurants sind bei den Einheimischen nicht en vogue. Zu lange waren die Petersburger auf die hiesige Küche beschränkt; nun strömen die Leute in die ausländischen Restaurants von denen wöchentlich neue eröffnet werden. Ganz besonders hip sind zur Zeit Sushi-Restaurants. Nach einem langen Weg bis zum Nevskij-Prospekt 88 fanden wir das "Ёолки Палкй" (übersetzt Tannenbaumstecken auch Grutzitürken), ein einheimisches Restaurant mit Bauernhof Ambiente. Die Empfehlung des Marco-Polo Reiseführers können wir nicht teilen; sowohl das Essen als auch der Service sind unterdurchschnittlich.


Sonntag
Der Sonntag stand ganz im Zeichen der Museen: ein Schwimmendes und das Berühmte. Zum Frühstück genossen wir feine Beeren-Bliny in einem Schokoladen-Café auf dem Newski-Prospekt. Unser erstes Ziel war der Panzerkreuzer Aurora, der als Museumsschiff im Newa-Arm Bol'saja Nevka vor Anker liegt. Die nächstgelegene Metrostation Gor'kovskaja liegt nur eine Station vom Newski-Prospekt entfernt. Leider erfuhren wir in der Metrostation, dass die Gor'kovskaja zur Zeit gesperrt ist. Da es zu Fuss doch etwas weit bis zur Aurora war, stiegen wir auf's Geratewohl in einen Bus ein, der grob in Richtung Aurora fuhr. Die Schaffnerin im Bus machte uns jedoch klar, dass dieser Bus auf der Petrograder Seite in eine andere Richtung fahren werde. Wir durften ohne Billet bis zu besagter Stelle mitfahren und stiegen dort auf die Strassenbahn Nr.6 um. Bei der Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln sind einige Brocken Russisch von Vorteil will man nicht ganz von der Kommunikation mit Händen und Füssen abhängig sein. Obwohl die Petersburger Trams nicht aus der Zarenzeit stammen, sehen sie doch ziemlich klapprig und runtergekommen aus. Ohne technischen Zwischenfall fuhren wir bis zur Bol'sava Nevka. Von dort gelangt man nach 200m zum Panzerkreuzer.

Mit einem Blindschuss aus der Bugkanone wurde am 25. Oktober 1917 das Signal zum Sturm auf den Winterpalast gegeben, womit die Oktoberrevolution begann. An Bord des Schiffes ist zwar nur von einem Böller zur Prüfung der Wachsamkeit der umliegenden Schiffe die Rede. Aber die Legende war stärker, das 1900 vom Stapel gelaufene Kriegsschiff wurde zur Revolutionsikone.

Die grün-grau gestrichene Aurora ist mit ihren zwei Masten, drei Schloten und unzähligen Kanonen eine imposante Erscheinung. Perfekt renoviert erlaubt sie dem Besucher einen Rundgang über das Deck und das erste Unterdeck. An Bord geht es vor lauter Geräten, Kanonen und Rettungsbooten recht eng zu. Unter Deck gibt es eine Ausstellung über die Geschichte des Schiffs mit vielen Bildern, Dokumenten und Ausrüstungsgegenständen. Uns erschien die Aurora ein wenig überrenoviert; das Leben und Arbeiten an Bord lässt sich heute nur noch schwer nachvollziehen. Nach der Besichtigung machten wir uns auf den Weg zurück in die Innenstadt.

Entlang der Peter-Paul-Festung führte unser Weg über die Schlossbrücke zur Eremitage. Die "Einsiedelei" gehört neben Louvre, Prado und MET zu den bedeutensten Museen der Welt. Sie entstand mit dem Bau des Winterpalais, der Hauptresidenz der Zaren, in dessen kleinen Flügel Katharina II. ihr Privatmuseum mit 225 Gemälden einrichten liess. In den folgenden zweieinhalb Jahrhunderten entwickelte sich Katharinas "Einsiedelei" zu einem der grössten Museen der Welt. Heute bietet die Eremitage einen Mikrokosmos im Weltall der Künste und Kulturen, in dem man den Entwicklungsweg von den Anfängen bis zur Kunst des 20. Jahrhunderts bestaunen kann. Mit ihren 3 Millionen Exponaten in 9 miteinander verbundenen Gebäuden ist die Eremitage so riesig wie vielseitig. Beschäftigte man sich nur 1 Minute mit jedem Ausstellungsstück, so würde der Museumsbesuch knapp 6 Jahre dauern. Da wir nicht so viel Zeit hatten, konzentrierten wir uns auf einige Highlights. Eines davon ist die Eremitage selbst; der Palast bietet hunderte von prunkvollen Zimmern, Sälen und Hallen. Ein wiederkehrendes Element der ansonsten sehr abwechslungsreich gestalteten Zimmer ist der Malachit. Dieser "Stein der Frauen" ist grün und hat eine gebänderte Maserung. In der Eremitage ist er in Form von Säulen, Statuen, Schalen und Vasen an vielen Stellen zu bewundern. Wie der Louvre die "Mona Lisa", so stammt auch das berühmteste Gemälde der Eremitage von Leonardo da Vinci. Die "Madonna mit Kind" ist - wie auch die "Mona Lisa" - erstaunlich klein. Mit 42 x 33 cm steht seine Grösse im Gegensatz zu seiner Berühmtheit; aber was können wir Kunstbanausen schon darüber sagen. Wir verbrachten 5 Stunden in der Eremitage und waren mehr als beeindruckt von der Kunst und dem Museum als solches. Ein Tipp für Eremitagebesucher: "weniger ist mehr"; wir empfehlen sich einige wenige Exponate auszusuchen und sich ausführlich mit ihnen zu beschäftigen, sei es durch eine Führung oder das Lesen eines guten Kunstbuches.

Ein Museumsbesuch macht durstig und ermüdet die Beine. Deshalb machten wir uns am späten Nachmittag auf die Suche nach einem schönen Café. Sankt Petersburg hat "wirtschaftlich" einiges zu bieten; ständig werden neue Cafés, Bars und Restaurants eröffnet. Die "Insider Tipps" in den bekannten Reiseführern kann man hier getrost vergessen. Was bei Drucklegung vielleicht ein toller Tipp war, wird in Kürze von der schnellen Entwicklung dieser Stadt überholt. Trotzdem verraten wir unseren "Insider Tipp": das Lokal "PeopleCafé" war während der vier Tage unser Favorit. Übrigens, ein Café in Sankt Petersburg ist nicht was man gemeinhin Café nennt. Es ist eher eine Mischung aus Bistro und Bar. Petersburger Cafés servieren meist durchgehend warmes Essen und sind nicht selten 24 Stunden lang geöffnet. Unser "PeopleCafé" hat ein dunkles Launch-Ambiente mit sehr aufmerksamem Service und gutem Essen. Von 20-23 Uhr legt ein DJ Platten auf die gut zum unaufgeregten Design des Lokals passt.

Nach der Happy-hour machten wir uns wieder auf die Suche nach einem russischen Restaurant. Auf der Italyanskaya Nr.5 wurden wir fündig. Das "Калика Малинка" (übersetzt Schneeballbeeren, Himbeeren) ist einer russischen Blockhütte nachempfunden. Wir waren die einzigen Gäste an diesem Abend was ein untrügliches Zeichen für ein echt russisches Restaurant ist; Einheimische gehen nicht in einheimische Lokale. Beim Menü hatten wir mehr Glück als am Vorabend. Soljanka, Borschtsch und das gefüllte Huhn waren ausgezeichnet.


Montag
Noch ein Museumstag - zumindest ein halber. Bevor wir die Peter-Paul-Festung in Angriff nahmen, gab es ein gutes Frühstück in einer Bäckerei schräg gegenüber unseres Hotels. Bei den Backwaren bleiben in Sankt Petersburg keine Wünsche offen; neben einer Vielzahl von Brotsorten überzeugt auch die Patisserie mit bunten Torten und Gebäck in allen Geschmacksrichtungen. So gestärkt gingen wir in Richtung Haseninsel. Die Eisdecke auf der Newa hatte sich mittlerweile so weit zurückgezogen, dass ein sicheres Überqueren nicht mehr möglich war. Ein Luftkissenboot der Polizei hielt unvorsichtige Touristen vom Betreten des dünnen Eises ab. Vor den Pfeilern der Schlossbrücke schoben sich die Eisschollen übereinander.

Die Peter-Paul-Festung erstreckt sich über die gesamte Haseninsel. Die Festung hat einen sechseckigen Grundriss dessen Ecken wiederum aus Bastionen und Kurtinen bestehen. Im Zentrum der Festung liegt die Peter-Pauls-Kathedrale mit der Grossfürstengruft. Die Kathedrale besticht durch eine 122m hohe Turmnadel auf deren Spitze eine goldene Engelsfigur über Sankt Petersburg wacht. Neben der Kirche befinden sich ein Münzhaus, die Museen zur Petersburger Stadtgeschichte und für Raketenbau und Raumfahrt sowie viele weitere Ausstellungshäuser und Festungsbestandteile auf der Insel.

Vor dem Betreten der Kathedrale lohnt es sich dem Glockenspiel im Turm zu lauschen. In der Kathedrale fallen die vielen marmorweissen Sarkophage auf. Hier liegen fast alle russischen Monarchen begraben. In der Vierung - rechts von der prächtig vergoldeten Ikonostase - befinden sich die Gräber von Zar Peter I. und Katharina II. An den frischen Blumen am Sarkophag lässt sich erkennen, welche Popularität der Zar auch heute noch geniesst. An die Kathedrale schliesst ein Galerie an, die eine kleine Ausstellung zur Geschichte des Zarentums beherbergt.

Anschliessend besuchten wir das Museum zur Stadtgeschichte. Je weiter man durch die Zeit und die 28. Säle des Museums vordringt, umso schöner wird die Präsentation der Exponate. Jeder Raum behandelt ein Thema - sei es Armee, Schifffahrt, Industrialisierung, die Geschäfte am Newski-Prospekt oder schliesslich Küche und Badezimmer zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Hier kann man sich sehr gut das Leben im alten Sankt Petersburg vorstellen. Einen Besuch empfehlen wir unbedingt.

An diesem Montag hat der Sonnenschein seinen Platz mit einem grauen Himmel und eisigem Ostwind getauscht. Nach dem Rückweg von der Peter-Paul-Festung waren wir froh uns im Literatur-Café auf dem Newski-Prospekt aufwärmen zu können. Martina bestellte Pelmeni (ähnlich wie Tortelline aber mit richtiger Hackfleischfüllung) und Ralf Honigbliny (ähnlich wie Crepes mit süsser oder herzhafter Füllung). Das Literatur-Café ist ein Ort zum Entspannen. Die gediegene Einrichtung im Jugendstil wird von Klaviermusik untermalt und versetzt den Gast an den Anfang des 20. Jahrhunderts.

Für den verbleibenden Nachmittag stand Shopping auf unserem Reiseplan. Obwohl die Einkaufsmeile mehr und mehr von den Boutiquen der globalen Modefirmen entfremdet wird, finden sich keine grossen Kaufhäuser auf dem Newski-Prospekt wie sie aus anderen Grossstädten bekannt sind. Einem Kaufhaus am nähesten kommt das 250 Jahre alte Гостины Двор. In diesem ungewöhnlichen Bau reiht sich auf zwei Etagen Shop an Shop und das in Form eines 1 km grossen Karrees. Die Läden sind nach Themen zusammengefasst; von der Kleiderabteilung gelangt man zu den Schmuckshops an die sich die Haushaltswaren anschliessen usw. Obwohl sich hier auch internationale Marken finden, dominieren russische Waren. Bei Meter 750 im zweiten Stock fanden wir wonach wir gesucht hatten: einen schönen schwarzen Wintermantel für Martina. Ein Etage tiefer wurden wir wieder fündig und konnten Mitbringsel für die Kinder erstehen.

Unseren letzten Abend in der Stadt verbrachten wir wieder im PeopleCafé. Als wir viele Stunden später den Rückweg zum Hotel einschlugen, hatte das Wetter uns nochmals einen Wechsel beschert - es hatte geschneit.


Dienstag
Den ersten Eindruck, den wir von Petersburgs Strassen hatten, war: extrem staubig. Alle Autos in der Stadt sind mit einer dicken Staubschicht bedeckt, worunter sich die Farbe des Lacks nur erahnen lässt. Ein sauberes Auto in der Stadt fällt auf wie ein bunter Hund. Der zweite Eindruck von den Strassen ist das seltsame Geräusch das vorbeifahrende Autos verursachen. Es hört sich an als wären alle Wagen mit Schneeketten oder Spikes unterwegs. Eine genauere Untersuchen des Strassenbelags offenbarte die Ursache für den Staub und das Geräusch. Die Oberfläche ist dermassen abgefahren, dass die Steinchen im Asphalt hervorstehen. Der fehlende Belag findet sich als Staub auf den Autos wieder und die vorstehenden Steine verursachen das klopfende Geräusch.

Nach einem guten Frühstück in der Bäckerei bei unserem Hotel machten wir uns auf den Weg zum Сеннои Рынок (übersetzt Heumarkt, da wurde früher gekauft, verkauft, gehandelt, getrunken und genächtigt). Das ist ein ursprünglicher Petersburger Markt, fernab vom Glanz der Boutiquen auf dem Newski Prospekt. Hier kaufen Petersburger für ihren täglichen Bedarf ein. Dicht an dicht drängen sich Buden mit Kleidern, Schuhen und Haushaltswaren teils unter freiem Himmel. Die Lebensmittel sind in einer Markthalle untergebracht. Hier wird das Kotelett noch vom ganzen Schwein gehauen. Der Markt besticht nicht unbedingt durch seine Sauberkeit aber durch seine Ordnung. Noch nie haben wir akkurater aufgetürmtes Obst und Gemüse gesehen. Selbst das sauer Eingelegte erfüllt bei seiner Darbietung höchste architektonische Ansprüche.

Nachdem wir noch ein ortstypisches Dankeschön für unseren Visabeschaffer Äbu gefunden hatten, mussten wir auch schon unsere Koffer im Hotel holen und mit dem Taxi (1000 Rubel) zum Flughafen die Rückreise antreten. Sankt Petersburg hat uns sehr gut gefallen und wir empfehlen es gerne weiter. Wer zwischen Oktober und März reist, sollte sich auf winterliche Bedingungen einstellen, darf sich dafür aber auf echtes Russland-Feeling freuen.

 

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