MarrakechEine Reise nach Marrakech bedeutet nicht nur einen Abstecher in die Sonne, sondern auch eine Reise nach Afrika, in eine fremde Kultur und zu einer anderen Religion. Unser Kurztrip in die 'Perle des Südens' war mein Geburtstagsgeschenk von Martina. Vom 31. März bis zum 2. April war die Hauptstadt der Berber unser Quartier. Der Artikel berichtet von einer bunten und anregenden Stadt, in der wir den Unterschied zwischen Okzident und Orient erleben durften.

 

Begriffe

  • Medina - Stadt (hier: Altstadt)
  • Souk - Geschäfts- und Handwerksviertel
  • Kasbah - Zitadelle (hier: Berberfestung innerhalb der Medina)
  • Riad - hier: marrokanisches Atriumhaus

Donnerstag
Unser verlängertes Wochenende begann schon am Donnerstag, als uns die Edelweiss-Air in 3.5 stündigem Flug nach Afrika beförderte. Das Hotel hatte ein Taxi bestellt um uns durch das Gewimmel der Medina zu befördern. Wer sich zum ersten Mal alleine durch die Altstadt bewegt, dürfte sich mit grosser Wahrscheinlichkeit verfahren. Die hunderte Gassen der Medina sind schmal, verwinkelt und sehen auf den ersten Blick alle gleich aus. Unser Taxi konnte nicht direkt bis zum Hotel fahren. Irgendwann wurden die Strässchen zu eng; die letzten hundert Meter legten wir zu Fuss zurück.

Jemaa El FnaDas Hotel ist eigentlich eine Appartementhaus mit dem Namen Riad Dar Najat und ist ein Kleinod der Gastlichkeit. Es liegt inmitten der Medina nur unweit vom grossen Platz 'Jemaa El Fna'. Von aussen wirkt es klein und unspektakulär; es reiht sich in seiner Erscheinung nahtlos in den Stil der Berberhäuser zu beiden Seiten ein. Durch die Eingangstür betritt man ein dreistöckiges Boutique-Hotel in dem sich die Gästezimmer um ein kühles Atrium sammeln. Bei unserer Ankunft um die Mittagszeit zeigte das Thermometer bereits 30 Grad an. Umso angenehmer waren die Temperaturen im Innenhof des Dar Najat.

Das Hotel wird von einer jungen und äusserst freundlichen Crew betrieben. Drei Jungs kümmern sich in jeder Beziehung um das Wohl der Gäste. Sei es der Koffertransport, die Organisation von Exkursionen, die Begleitung durch die Stadt oder den Frühstücksservice, Eizam (Jerry Lewis) und seine Mitarbeiter strahlen gute Laune aus und gaben uns sogleich das Gefühl zuhause zu sein. Die Mädchen im Dar Najat kümmern sich um die Küche, das Kochen und die Reinigung. Allen Mitarbeitern merkt man an wieviel Spass sie bei der Arbeit und beim Umgang mit den Gästen haben. Bei einem Begrüssungs-Drink zückte Eizam den Stadtplan und erklärte uns ausführlich die Special Places von Marrakech.

Alle Räume im Dar Najat sind geschmackvoll und authentisch eingerichtet. Wohin der Blick auch schweift, überall stehen herrliche Möbel, Keramiken und Kunstwerke. Jedes der sieben Gästezimmer ist einzigartig; die Besonderheit in unserem Zimmer 'Noura' ist ein Himmelbett für 1001 Nacht. In der obersten Etage kann man unter freiem Himmel frühstücken, sonnenbaden, im Jacuzzi baden, zur Musik chillen oder auf den Liegestühlen den Sternenhimmel bewundern.

Durch die zweistündige Zeitverschiebung hatten wir genug Zeit um die zweite Tageshälfte zur Erkundung der Stadt zu nutzen. Ausgerüstet mit unserem mobilen GPS-Gerät (Routing-fähige OSM Karte von Marokko für GARMIN Geräte) stürzten wir uns in den Ameisenhaufen der Souks am Jemaa El Fna. Im Halbschatten der überdeckten Gassen gibt es dort alles zu kaufen was sich der Orientreisende wünscht. Vom Kaftan über Leder- und Stoffpantoffeln in tausend Varianten bis hin zu Obst, Gemüse und Gewürzen bleibt kein Wunsch offen. Allzu leicht locken einen die Händler in ihre Verschläge. Westliche Höflichkeit führt hier nach spätestens 50 Metern zu einem leeren Portemonnaie. Alle paar Schritte wird der potenzielle Kunde angesprochen und zum Eintreten aufgefordert. Nachdem man Platz genommen und einen Minztee vor sich stehen hat, beginnt die Präsentation der Waren. Zu diesem Zeitpunkt ist es meist zu spät; wer bringt es schon über sich, der Gastfreundschaft nicht mit einem Kauf zu begegnen?

GerbereiAls wir den Souks entschlüpft waren, stand der Besuch einer Moschee auf dem Programm. Leider durften wir als Nicht-Muslime das Gotteshaus nicht betreten. Obwohl mir Eizsam seinen Kaftan ausleihen wollte um mich als Muselmann zu verkleiden, verzichteten wir aus Rücksicht auf die religiösen Regeln. Die Gerbereien und Färbereien in Marrakech gehören zu den eindrücklichsten Sehenswürdigkeiten in der Medina. Auf halbem Weg dort hin bot ein Junge seine Dienste als Führer an. Durch seine Hilfe fanden wir die alte und neue Färberei problemlos. Dort wurden wir an einen Verwandten weitergereicht, der drei Gruben in der Färbereikommune betreibt. Er begleitete uns durch die alte Gerberei/Färberei und erklärte das Verfahren. Vor dem Betreten des Geländes bekamen wir je einen Büschel Minze um unsere Nasen vor dem Gestank zu schützen. In den jeweils drei Gruben finden die Prozesse des Gerbens und Färbens statt. Grube eins enthält eine Ammoniakhaltige Flüssigkeit (Taubenkot) zum Gerben, Grube zwei enthält ein grosses Geheimnis und in Grube drei wird das Leder gefärbt. Neben den Erdbottichen konnten wir auch das manuelle Enthaaren eines Ziegenfells und das Glattschaben eines Leders beobachten. Anschliessend warfen wir einen Blick in die neue Färberei (dort werden anstatt der runden Erdgruben rechteckige Betongruben verwendet) und wurden zu einem Gebäude gebracht in dem die Weiterverarbeitung des Leders vonstatten gehen sollte. Tatsächlich landeten wir jedoch in einem Verkaufsraum für Teppiche und Lederwaren. Um das Geben und Nehmen zu einem Abschluss zu bringen, kauften wir eine schöne Handtasche aus Kamelleder für Martina. Nachdem der Lotse und der Führer auch noch ihr Taschengeld erhalten hatten, war das Gesamtpaket 'Färbereibesichtigung' abgeschlossen.

Am Abend waren wir erneut froh über den Service unseres Hotels. Ein Kollege von Jerry Lewis begleitete uns quer durch die Medina zu einem empfohlenen Restaurant (Omar Riad), dass wir ohne seine Hilfe nie gefunden hätten. Dort wählten wir im obersten Stock unter einem Berberzelt ein klassisches Couscous serviert in der marokkanischen Tajine. Auf dem grossen Platz 'Jemaa El Fna' erwacht am Abend das Leben. Neben den vielen Verkaufsständen spielen Marokkaner auf ihren Trommeln, Wasserverkäufer bieten sich als Fotoobjekt an und der Schlangenbeschwörer bringt mit der Bewegung seiner 'Flöte' die Uräusschlangen zum Tanzen. Diese nordafrikanische Kobraart ist übrigens zehnmal giftiger als ihre indische Verwandte und besitzt ihre Giftzähne noch.

Freitag
Der nächste Tag galt dem Erkunden der Neustadt von Marrakech. Mit dem Taxi fuhren wir zum Jardin Majorelle. Dieser botanische Garten wurde 1924 vom Künstler Jacques Majorelle angelegt und erst 1947 für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Obwohl er nicht sonderlich gross ist, beheimatet der Garten exotische Pflanzen aus fünf Kontinenten. Insbesondere die Palmen, Agaven und Kakteen sind sehenswert. Sein besonderes Flair entsteht jedoch durch die Farben. Das Grün der Pflanzen wird hervorgehoben durch leuchtendes Gelb und Indigoblau bei den Pflanztöpfen, Gebäuden und anderen Gegenständen.

Jardin MajorelleAus der angenehmen Kühle des Gartens gingen wir weiter durch die Mittagshitze zu Ave. Med V, eine der Hauptstrasse in der Neustadt. Wer hier eine moderne Einkaufstrasse erwartet, wird enttäuscht. Nach dem Place du 16. Novembre und dem Place Liberte gelangt man wieder in die Medina und wird von einer grossen Parkanlage beschattet die sich bis zur grössten Moschee Marrakechs, der La Koutoubia erstreckt. Von dort aus führen drei sehr quirlige Strassen zum Place Jemaa El Fna. Diese kurzen Passagen bieten vermutlich mehr Shops und geschäftiges Treiben als die kilometerlange Ave. Med V.

Im Süden der Medina liegt das Palais Badi, der 'Unvergleichliche Palast'. Die heutige Ruine wurde 1578 von König Ahmad al-Mansur erbaut und umfasste einst 360 Räume und einen 15000 qm grossen Innenhof mit einem grossen Pool und diversen Pflanzungen. Heute kann man die Ruine über- und unterirdisch durchschreiten und die vielen Störche in ihren Nestern auf den Mauern des Palais bestaunen.

Unser Weg führte uns dann rund um das riesige Palais Royal zum Südeingang der Kasbah. Sie ist ein befestigtes Viertel innerhalb der Stadtmauern der Medina und beinhaltet den berberischen Teil der Altstadt. Die Kasbah ist weniger aufgeregt und geschäftig wie die Souks im Zentrum der Medina. Dafür gibt es hier bessere Einblicke in den Alltag der Berber mit ihren Läden und Werkstätten.

HotelHier endete unser Stadtrundgang. Über den grossen Platz ging es zurück zum Hotel in dessen Nähe wir auf der Dachterrasse des Restaurants 'La Porte du Monde' marokkanische Grillspezialitäten genossen. Zurück im Dar Najat trafen wir auf Angela und Paul aus Bristol mit denen wir den Rest des Abends bei einigen Flaschen Wein verbrachten.

Samstag
Obwohl es in einer Stadt wie Marrakech immer wieder Neues zu entdecken gibt, reichten uns die zwei Tage um einen ersten Eindruck des Berberzentrums zu bekommen. Somit bleibt genug Anreiz übrig um eine weitere Marokkoreise ins Auge zu fassen. Ausgeschlafen und nach einem guten Frühstück auf dem Hoteldach flogen wir nach Mittag wieder zurück in die Heimat. 'Perle des Südens', wir kommen wieder!

Die Bilder