SchneeschuhUnter dem Motto "into the great white open" haben wir am Wochenende vom 23./24. Januar 2010 Ralfs Weihnachtsgeschenk im Unterengadin unter die Füße genommen. Es waren zwei Tage auf wirklich großen Füßen nämlich Schneeschuhen. Unsere erste Begegnung mit diesem Sportgerät begann in Zernez und führte uns zum kältesten Ort der Schweiz (nein, nicht nach La Brevine) und in ein verwunschenes Tal. Dabei machten wir Bekanntschaft mit einem Kenner der Materie, mit lieben Mitwanderern, lernten viel über Lawinen und entdeckten ein ganz seltenes Tier.

Wer wissen möchte, wie es uns auf den Schneebrettern ergangen ist und wie der Steinbock auf Englisch heisst, der findet in unserem Bericht die Antworten darauf.

Wer noch nie auf Schneeschuhen unterwegs war, begegnet diesem Sportgerät bzw. Hilfsmittel vielleicht mit Skepsis. Man sieht sich vor dem geistigen Auge wie eine Ente watscheln und ständig über die eigenen Füße stolpern. Tatsächlich hängt der elegante Gang mehr von der Beschaffenheit der Schneeschuhe ab als von den eigenen Fähigkeiten. Während unserer Touren im Schnee hatten wir keinerlei Probleme mit den übergroßen Sohlen sondern waren flott unterwegs, fast wie mit normalen Wanderschuhen. Zu einem Großteil lag das auch an den hervorragenden 'MSR Denali Classic'. Doch beginnen wir von Anfang an.

Unser Arbeitstag war bereits am Freitag kurz nach Mittag zu Ende. Dann ging es mit der Bahn über Landquart und Sagliains nach Zernez. Am Bahnhof wurden wir schon von unserem Guide Norbi Manser erwartet und zum Hotel kutschiert. Das 'Bär & Post' in Zernez ist das älteste Hotel vor Ort, wartet mit langer Tradition auf und wird in fünfter Generation heute von Christian und Andrea Patscheider geführt. Bei unserer Ankunft wurden wir von beiden herzlich begrüßt, so dass für das Wochenende sogleich Ferienstimmung aufkam.

Am Abend lernten wir Ursula und Olga kennen, die auch bei 'Track and Trail' die Tour im Engadin gebucht hatten. Die beiden Damen aus Fribourg hatten schon Erfahrungen auf Schneeschuhen gesammelt und waren mit eigener Ausrüstung angereist. Nach einem Begrüßungscocktail im Hotel verbrachten wir einen gemütlichen Abend beim Abendessen und wertvollen Einweisungen für den nächsten Tag. Norbi machte uns den Mund wässrig auf die erste Tour am Samstag.

Der erste Tag
Morgens durften wir die Ausrüstung im Skiraum des Hotels in Empfang nehmen. Schneefeste Kleidung inklusive Gamaschen und Bergschuhen hatten wir selbst mitgebracht. Von Norbi bekamen wir dann noch die Schneeschuhe, Stöcke, Schneeschaufeln und das LVS um den Hals gehängt. Die Schaufel und das Lawinenverschüttetensuchgerät dienen der Sicherheit die bei unserem Guide sehr groß geschrieben wird. Mit dem Postauto ging es dann in einer halbstündigen Fahrt hinauf auf den Ofenpass zum kältesten Ort der Schweiz. Viele kennen La Brevine im Jura als solchen, doch in diesem Winter gebührt die Frostmedaille Buffalora wo am 18. Dezember 2009 eine Temperatur von minus 32 Grad gemessen wurden. Buffalora liegt kurz vor dem Ofenpass und gilt als das Paradies für Schneeschuhwanderer in der Schweiz.

BuffaloraBevor wir das 'Große Weiße' erkunden durften, stand erst einmal der Sicherheitscheck auf dem Programm. Die LVS Geräte wurden auf Funktionstüchtigkeit sowohl für das Senden als auch für die Suche nach Verschütteten überprüft. Als dann ging es los von der Bushaltestelle auf 1968 m bis zur Alp Buffalora auf 2038 m über tief verschneite Wiesen und durch den Wald bis zu unserer ersten Rast. Mit lockerem und gemächlichem Tempo hatten wir genug Zeit uns aufzuwärmen und an die Schneeschuhe zu gewöhnen. Wir waren überrascht, wie einfach und gut es sich mit den ungewohnten Tritthilfen wandern lässt. Kein Stolpern und kein Watscheln lenkte uns von der Winterlandschaft ab. Je weiter wir gingen desto mehr Freude hatten wir am Schneewandern.

Nach der ersten Rast lag das Hochplateau von Jufplaun vor unseren Augen. Ein unvergessliches Bergpanorama bereitet sich vor uns aus. Umrandet vom knapp 3000 m hohen Piz Daint im Osten und dem Munt Chavagl im Nordwesten erstreckte sich vor uns die eine herrliche schneebedeckte Weite. Kilometerweit durften wir auf der leicht kupierten Ebene erste Spuren in den Schnee malen. Die Bilder zum Artikel geben einen Eindruck davon was sich mit Worten nur schwer beschreiben lässt. Nachdem wir anfangs auf vorgespurten Pfaden gingen konnten wir nun unsere eigenen Spuren ziehen. Für unseren ersten Tag hatte Petrus ein Kaiserwetter an den Himmel gezaubert. Die Sonne brachte jedes einzelne Schneekristall zum glitzern und gab uns angenehme Wärme in dieser Höhe.

Erst gegen 14 Uhr erreichten wir unser Ziel am Ende des Jufplaun Plateaus. Bevor wir dort ankamen lag noch eine anstrengende Passage über eine Schneekuppe vor uns, die durch ein ganz besonderes Erlebnis belohnt wurde. Plötzlich erblickten wir zwei große Raubvögel direkt über unseren Köpfen. Es waren Bartgeier, die selbst unser erfahrener Guide in den letzten fünf Jahren nicht gesehen hatte. Der Bartgeier zählt mit einer Flügelspannweite von bis zu 2.9 m zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt und ist ausserdem einer der seltensten Greifvögel Europas. Wer so viel Glück hat, dem fallen auch die letzten Meter bis zur Mittagspause nicht mehr schwer. Von unserem Rastplatz auf knapp 2500 m Höhe bot sich uns ein Blick steil hinab in das Val Mora das die Grenze nach Italien kreuzt.

Der Rückweg zog sich an der Westflanke des Piz Daint entlang und bot Gelegenheit für einige Späße und Spiele. So konnten wir metertief von Schneewächten in das weiche Pulver hopsen und unseren Orientierungssinn beim Blindmarsch auf ein hundert Meter entferntes Ziel erproben. An dieser Stelle möchten wir unserem Guide Norbi ein dickes Lob aussprechen. Er hat es wirklich hervorragend verstanden, die Schneeschuhtour mit vielen interessanten Abwechslungen zu würzen. Keine Tierspur blieb unentdeckt, kein Phänomen der Winterlandschaft unerklärt. Auch die Spiele und Übungen zwischendurch machten das Wochenende zu einem abwechslungsreichen und sehr interessanten Erlebnis.

Das letzte Stück der Tagesroute führte uns durch den verschneiten Wald oberhalb von Buffalora. Auch dort bescherte uns die Natur wunderbare Eindrücke. Eine Weile folgten wir dem Lauf eines teils zugefrorenen Bachs unter dessen eisiger Oberfläche sich das fliessende Wasser blubbernd seinen Weg bahnte und geisterhafte Figuren unter dem Eis erscheinen ließ. Zurück an der Postauto-Station konnten wir uns noch ein halbe Stunde in der Beiz von Buffalora mit warmen Getränken aufwärmen bevor es zurück ins Hotel ging.

Den Abend verbrachten wir beim gemeinsamen Fondue Chinoise und dem Austausch der überwältigenden Eindrücke diese mehr als gelungenen ersten Schneeschuhtages.

Der zweite Tag
Die Sonntagstour begann mit einer kurzen Taxifahrt entlang des Inns bis zum Tal Val Sarsura, dass vom Piz dal Ras und dem Piz Sarsura eingeschlossen ist. Der erste Streckenabschnitt folgte den wenigen Spuren auf Waldwegen bis hinauf zur Alp Sarsura Dadaint, also der vorderen Alp. Von dort aus ging es entlang des Bachs Ova da Sarsura zwischen verschneiten Felsblöcken bis hoch zu einer Holzhütte. An den Bergflanken zu beiden Seiten waren bereits mehrere Lawinen abgegangen.

Val Sarsura

Über das Verhalten während eines Lawinenunfalls konnten wir von Norbi einiges erfahren. Was der unkundige Winterwanderer nicht weiss, ist z. B. das der Schnee einer Lawine hart genug ist, um ein selbständiges Ausgraben zu verhindern. Gerät man in eine Lawine, so helfen ein grossvolumiger Rucksack und Schwimmbewegungen dabei an die Oberfläche zu kommen. Wer die Hände schützend vor sein Gesicht hält, verhindert einen vom Schnee verstopften Mund und schafft sich evtl. einen kleinen Hohlraum für Atemluft. Neben dem LVS ist der Lawinenball ein gutes Hilfsmittel um schneller gefunden zu werden. Der Ball kann durch eine Reissleine geöffnet werden und ist durch eine Schnur mit dem Verschütteten verbunden. Durch seine Luftfüllung wird er von der Lawine an die Oberfläche getragen und von den Rettern leicht zu finden. Durch die Schnur kann der Retter gezielt zum Verschütteten vordringen. Zum Glück durften wir all das nur in der Theorie lernen.

Nach einem kurzen Aufenthalt bei der Holzhütte steigen wir querbergein bis zu einer Steinhütte auf 2400 m hinauf. Das Schneeschuhwandern am steilen Hang und im tiefen Schnee erfordert eine gute Wegwahl, denn die Schneetiefe und die Steilheit können einem bei ungünstiger Route doch zu schaffen machen. Wir wechselten uns beim Vorspuren alle paar Meter ab und erreichten unseren Mittagsplatz in der Sonne genau um 12 Uhr. Hier genossen wir unsere Brotzeit und suchten mit Norbis Feldstecher die Hänge nach Tieren ab. Beim Abstieg stand wieder 'Spass im Schnee' auf dem Programm. In grossen Sprüngen bzw. auf dem Hosenboden ging es den steilen Hang hinunter. Das Glück war wieder auf unserer Seite als über unseren Köpfen erneut ein grosser Bartgeier segelte, den wir einige Minuten lang verfolgen konnten.

Bei den Schneesprüngen hatte unser Guide ein wenig Pech, als er unvermittelt in einem Loch stecken blieb. Unter dem Schnee hatte er auf einen Haufen loser Äste getreten und sich dabei den Fuss verdreht. Nach ein paar Minuten hatte er Gewissheit sich nichts gebrochen oder gerissen zu haben und konnte mit uns weiterhumpeln. Wir überquerten die vordere Alp auf dem gleichen Weg wie morgens und trennten uns dann im Wald. Die drei Mädels nahmen den steilen Abstieg während Norbi und Ralf auf dem flachen Waldweg blieben. Am Taleingang trafen wir dann zur gleichen Zeit wieder zusammen.

Da unser Taxi nicht den ganzen Tag gewartet hatte, gingen wir entlang des Inns zurück nach Zernez. Über eine kleine verschneite Brücke wechselten wir zum anderen Flussufer an dem sich eine Langlaufloipe bis nach Zernez zieht. Dort konnten wir bequem wandern und bei einigen Abstechern hinunter zum Inn Forellen sehen und die Haltbarkeit der dicken Eisplatten auf dem Wasser testen. Kurz vor dem Ort hatten wir auf einer Wiese Zeit die LVS im Einsatz zu erleben. Norbi vergrub zwei der Geräte im Schnee und liess uns mit unseren LVS danach suchen. Ein Verschütteter hätte lange gewartet bis wir ihn gefunden hätten.

So ging ein tolles Wochenende im Engadin zu Ende, bescherte uns erste Erfahrungen mit Schneeschuhen, Bergwandern im Winter und den Risiken von Lawinen. Wir bedanken uns bei Olga und Ursula für die liebe Begleitung und bei Norbi für die perfekte Planung und Durchführung. Für uns war es nicht das letzte Mal auf Schneeschuhen.

P.S.: Der Steinbock = Ibex, Das Sternzeichen Steinbock = Capricorn

Die Bilder