Stop OffroaderIrgendwann erwischt es jeden Mann - spätestens wenn er die 40 überschritten hat. Das Leben wird hinterfragt, die Haare fallen aus, der Bierbauch ist sein Geld nicht mehr wert .. von den Frauen fange ich gar nicht erst an. Die einen nennen es Alterskompensation, die anderen Schwanzverlängerung - manche kaufen ein Offroad SUV, die anderen ein Töff.

Ich gehöre dazu, schäme mich nicht sondern will davon erzählen ..

 

Als ich vor langer Zeit 18 Jahre alt wurde, habe ich meinen Motorradführerschein gleich zusammen mit dem Auto-Lappen gemacht. Das gehörte sich damals so. Bis ich tatsächlich einen zweirädrigen Untersatz hatte, vergingen jedoch noch einige Jahre. Erst mit Ende zwanzig hielt ich das Jucken in der rechten Hand nicht mehr aus und kaufte eine fast neue (2 Monate alt) Honda Transalp. Das war ein sehr dankbares Motorrad in silber/bordeaux-rot.

 

Beim Umzug in die Schweiz habe ich leider verpasst die Transalp als Umzugsgut zu deklarieren. Es war dann nicht mehr möglich das Töff in der Schweiz zu homologieren. Sie blieb deshalb in Deutschland angemeldet und hat mir noch einige Jahre gute Dienste geleistet. Später habe ich sie an einen Urlaubsbekannten verkauft.

 

Vor zwei Jahren wurde das Gashandjucken wieder unerträglich; eine Neue musste her. Meine Vorliebe waren schon immer die Reiseenduros weil sie Robustheit mit Komfort und leichter Geländetauglichkeit kombinieren. Die Auswahl an echten Reiseenduros ist sehr klein. Es gibt zwar von fast jedem Hersteller ein Modell, bei den meisten handelt es sich jedoch um Pseudoenduros. Sie mögen zwar einen Bordstein in der Stadt meistern, sind aber für eine zweiwöchige Tour über Schotterpisten so gut geeignet wie das Schicki-Micki-SUV für eine Tour im hohen Atlas.

 

BMW R1200 GS Nach einer Vorauswahl kamen für mich nur noch zwei Kandidaten in Frage: die allseits bekannte und beliebte BMW R1200 GS und die Paris-Dakar Gewinnerin: KTM Adventure 950S.

 

Die BMW ist eines der besten Motorräder die es überhaupt auf dem Markt gibt und das schon seit Jahren. Gerade die neue 1200GS hat beim Gewicht mächtig abgespeckt und ist dadurch bedeutend handlicher geworden. Technisch glänzt sie mit Benzineinspritzung, ABS, digitalem Motormanagement usw. Die GS ist sehr häufig auf der Strasse zu sehen. Viele Männer über 40, die es sich leisten können und es noch mal richtig krachen lassen wollen, landen auf der wertbeständigen BMW.

 

KTM Adventure 950S Die zweite im Bunde hat eine reinrassige Ralley Vergangenheit. 80% aller Paris-Dakar Teilnehmer sitzen auf einer KTM. Die Adventure 950S (Modell 2005) hat weder eine Einspritzanlage noch ABS. Dafür hervorragende White Power Federelemente und den kleinsten und leichtesten 1 Liter Motor überhaupt. Zwischen dem massigen Boxermotor der BMW und dem schmalen KTM V2 liegen Motorwelten, zumindest was die Bauform angeht.

 

Eine Probefahrt sollte im direkten Vergleich zeigen, welches der beiden Motorräder den besten Weg aus der Midlife Crisis verspricht. Los ging es mit einer einstündigen Testfahrt auf der BMW. Die Gewichtsreduktion hat der GS sehr gut getan. Sie fährt sich behände und agil, präzise und komfortabel. Die Sitzposition ist aufrecht und bequem; da kommt fast ein Sofa-Gefühl auf. Einziger Kritikpunkt: sie hängt etwas nervös am Gas. Besonders bei langsamen Kurvenfahrten, z.B. in einem Kreisverkehr, fiel es mir schwer am Gasgriff zu drehen ohne dabei zu Ruckeln. Ich vermutete, dass der Kardanantrieb dafür verantwortlich sei. "Überpräzise" beschreibt den Eindruck, den ich nach der Ausfahrt mit der BMW hatte.

 

Mit dem Fahrgefühl der BMW in Armen und Beinen ging es anschliessend zum KTM Händler. Eine halbe Stunde später kletterte ich auf die hohe Sitzbank der Adventure 950S. Was für ein Unterschied: auf der BMW sitzt du tief und breit, auf der KTM hoch und eng. Der Knieschluss gibt dir ein besseres Gefühl der Mensch-Maschine Verbundenheit als bei der BMW. Der zweite Unterschied offenbarte sich nach dem Anlassen des Motors. Der V2 klingt wesentlich kerniger und lauter als der BMW-Boxer. Die Entscheidung für die KTM fiel dann schon nach wenigen Fahrkilometern. Mit ihren Vergasern hängt die "Kati" viel samtiger und angenehmer am Gas als die nervöse BMW. Es liegt nicht am Kardan sondern an der Einspritzung. Auf der KTM fühlte ich mich sofort zuhause. Wenn die BMW ein bequemer Jogginganzug ist, dann ist die KTM ein perfekt passender Massanzug. Ich möchte einen Werbeslogan von BMW verwenden um das Erlebnis der KTM zu beschreiben: "Freude am Fahren".