KörperweltenVon November bis Ende Februar 2010 gastiert die Ausstellung Körperwelten im Puls 5 in Zürich. Heute waren wir dort und haben uns drei Stunden lang vom menschlichen Körper faszinieren lassen. Viele Leute begegnen dieser Ausstellung mit Skepsis; wir liessen uns von den Plastinationen des Gunther von Hagens überraschen. Der Bericht schildert unsere Eindrücke.

Da Martina die Ausstellung bereits vor fünf Jahren in München besucht hatte, wusste sie worum es geht. Wenn sie sich erneut in die Körperwelten begibt, dann kann es nicht so schlecht gewesen sein. Ich war vor dem Besuch einerseits an der populär-wissenschaftlichen Seite interessiert, andererseits wollte ich den Stein des Anstosses, den die Präparate für viele Menschen bedeuten, selbst beurteilen.

Die Körperwelten gastieren im Erdgeschoss des Puls 5 Gebäudes im Zürcher Escher-Wyss Areal. Um die Anzahl an Besuchern in den Räumen zu begrenzen, erwirbt man das Eintrittsticket für einen bestimmten Zeitpunkt. Trotz dieser Massnahme war die Ausstellung um 14:30 Uhr sehr gut besucht; mehr Leute hätten es nicht sein dürfen. Das Puls 5 ist nicht auf den strengen Frost der letzten Tage eingerichtet; an der Garderobe empfahl man uns, die Jacken und Schals anzubehalten.

Mit einem Audioguide in den Händen betraten wir die Räumlichkeiten und wurden von grossformatigen Videoprojektionen empfangen, die das Altern von Menschen im Zeitraffer darstellen. Die Zürcher Körperwelten tragen den Untertitel 'Der Zyklus des Lebens'. Dem entsprechend beginnt die Ausstellung - nein, nicht mit der Zeugung sondern - mit dem Wachsen eines Fötus bis zur Geburt. Bevor man diese ersten Präparate zu sehen bekommt, gilt der Dank jedoch denjenigen, die ihre Körper für die Plastination zur Verfügung gestellt haben.

Das führt mich zu der Kritik an der Ausstellung von Plastinaten dieser Art. Wer im Internet nach 'Körperwelten Kritik' sucht, findet eine umfassende Sammlung und Diskussion zu diesem Thema. Ich möchte hier nur die wesentlichen Kritikpunkte in Stichworten zusammenfassen:

- Grobe Geschmacklosigkeit
- Verletzung der Menschenwürde
- Degradierung von Verstorbenen zu Ausstellungsstücken
- Stilisierung zu einem Kulturereignis
- Verfall der sittlichen Werte
- Schaden für die 'Ehrfurcht vor dem Leben'
- Verarbeitung von Toten zu Kunstwerken
- Ausstellung habe etwas Sensationelles und Voyeuristisches
- Ausstellung habe nichts mit wissenschaftlicher Aufklärung zu tun
- Exponate wirken nur sensationell oder ästhetisch
- Verletzung der Totenruhe
- Beraubung des Rechts nach einem Ort letzter Ruhe
- Verzicht auf Hoffnung über den Tod hinaus
- Zweifelhafter Bildungswert

Diese Kritikpunkte lasse ich bewusst unkommentiert; sie stammen überwiegend von den Kirchen. Es finden sich zwei grundsätzliche Aussagen zum Thema; zum einen ein Gutachten des Mainzer Staatsrechtsprofessors Friedhelm Hufen, wonach die Menschenwürde erst verletzt wäre, wenn die Körper verächtlich gemacht oder erniedrigt würden, was aber erkennbar nicht der Fall sei. Das Zweite vom ehemaligen deutschen Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble: "Verletzung der Menschenwürde kann auch nicht durch Einwilligung gerechtfertigt werden, weil sie der Verfügung des Einzelnen entzogen bleiben muss. Anderenfalls wäre sie nicht im Sinne von Artikel 1 Grundgesetz unantastbar." Hier stehen sich zwei Aussagen gegenüber.

Zurück zur Ausstellung in Zürich. Ein Grossteil der Exponate besteht aus Plastinationen von Körperteilen wie Skelett, Organe, Gehirn, Nervensystem, Muskeln, Knochen, Blutkreislauf, Gelenken, usw. Die Ausstellungsstücke werden auf Schrifttafeln und über den Audioguide professionell und gut verständlich erklärt. An den Wänden der Räume finden sich diverse Bilder und Texte zu den Themen Gesundheit, Wert des Lebens und des Alterns die den Körper und das Leben in einen positiven Kontext setzen.

Was die meisten von Plakaten kennen, sind die Ganzkörperplastinationen von denen es in der Ausstellung etwa 20 Verschiedene gibt. Diese stellen den Körper in bestimmten Posen dar; so gibt es einen Saxophonspieler, zwei Personen in Titanic-Pose, einen Hochspringer, eine Frau auf einer Gartenschaukel, einen Football-Spieler und noch viele weitere. Teilweise veranschaulichen diese Ganzkörperexponate bestimmte anatomische Gebiete wie Muskelentwicklung, Fortpflanzungsorgane, Lage der Organe oder auch den Akt der Fortpflanzung an sich.

In einem separaten Raum, der erst ab 16 Jahren betreten werden darf, werden zwei Paare in körperlicher Vereinigung gezeigt. Ergänzt werden die Körper durch Grafiken und Körperschnitte die ebenfalls den Zeugungsakt darstellen. Die beiden Paare halte ich für nicht gut gelungen, da das Wesentliche gar nicht zu sehen ist. Die Körperschnitte zeigen die Thematik aus anatomischer Sicht viel besser.

Bei diesen Ganzkörperplastinationen stellt sich mir auch die Frage ob das Posing für die Erfüllung des wissenschaftlichen Anspruchs notwendig ist oder ob damit die Würde der Toten durch eine allzu sensationelle Darstellung geschädigt wird. Tatsächlich ist die Frage eher von theoretischer Natur weil die Haltung der Körper niemals erniedrigend anmutet sondern sie viel mehr in natürlichen Positionen zeigt, die einen besonderen Einblick ermöglichen. So ist z.B. die ausgeprägte Muskulatur eines Seemanns am Steuerrad deutlich zu erkennen.

Für den Besuch der Ausstellung braucht man ca. 3 Stunden wenn alle Exponate betrachtet und die zugehörigen Audioguide Artikel angehört werden. Das Ausleihen des Audioguides ist unbedingt zu empfehlen da die Erläuterungen weit über die Texte auf den Tafeln hinausgehen und auf Wunsch weitere Hintergrundartikel gewählt werden können.

Alles in allem halte ich die Ausstellung für sehr gelungen. Die verschiedenen Darstellungen, also Teilexponate, Ganzkörperplastinationen, Texte, Audioguide, Videos, Bilder und Wandtexte sind gut aufeinander abgestimmt und vermitteln ein faszinierendes Gesamtbild der menschlichen Anatomie im Kontext von Älterwerden, Gesundheit bzw. Krankheit. Insbesondere die Teilexponate vermitteln sehr anschaulich die Funktionsweise von Organen und anderen Körperteilen. Vorteil der Ganzkörperexponate ist, dass sie die ausgestellen Teilplastinationen wieder in Zusammenhang mit dem vollständigen Körper bringen. Die Achtung vor dem 'Wunder Mensch' wird dabei jederzeit aufrecht erhalten.

Persönlich kann ich den Besuch der Ausstellung 'Körperwelten - Der Zyklus des Lebens' empfehlen. Der Anspruch Wissen zu Vermitteln steht eindeutig im Vordergrund. Die Details der Exponate werden von keinem Biologieunterricht, Fachbuch oder naturwissenschaftlichem Museum erreicht. Ich habe grosse Achtung vor den Menschen, die in einer persönlichen Verfügung ihren Körper nach ihrem Tot der Plastination zur Verfügung stellen. Für mich ist es völlig nachvollziehbar, wenn jemand seinen Körper auf diese Weise für die Nachwelt erhalten will statt ihn in einem Sarg verfaulen zu lassen.

(Bis auf das Titelbild haben wir bewusst keine weiteren Bilder diesem Artikel beigefügt.)